Warum Technologie allein noch kein gutes Programm macht
Nachts um zwei Uhr, ein Uber, das Radio läuft. Statt eines bekannten Songs erklingt plötzlich ein Titel namens „Der fremde Furz“. Was zunächst nach Kuriosität klingt, ist Teil eines größeren Experiments: Schweizer Privatradios wie Radio 1, Radio Grischa oder Radio Zürisee setzen nachts auf KI-generierte Musik.
Der Grund ist pragmatisch. KI-Songs sind Suisa-frei, verursachen keine Lizenzkosten und lassen sich rund um die Uhr produzieren. Für wirtschaftlich unter Druck stehende Privatsender ist das ein naheliegender Test. Offiziell spricht man von einem „Experimentierfeld“, nicht von einem redaktionellen Format.
Effizienz trifft auf Programmverantwortung
Technologisch ist KI-Musik längst kein Zukunftsthema mehr. Plattformen wie Suno oder Udio ermöglichen es jedem, innerhalb weniger Minuten Songs zu generieren – inklusive Text, Arrangement und Stimme. Wenn der Inhalt harmlos ist, werden viele Hörer den Unterschied kaum wahrnehmen.
Genau darin liegt jedoch die programmliche Herausforderung. Radio ist mehr als ein Musikabspielkanal. Musik transportiert Haltung, Geschmack, Identität. Sie prägt, wofür ein Sender steht – auch nachts. Wenn Musik austauschbar wird, verliert sie ihre Funktion als Markenanker.
Der bizarre Furz-Song ist deshalb weniger das Problem als das Symptom. Er macht sichtbar, was passiert, wenn Technologie nicht in ein klares redaktionelles Konzept eingebettet ist.
Rechtliche und kreative Grauzonen
Hinzu kommen offene Fragen rund um Urheberrecht. Die Suisa warnt davor, dass KI-generierte Musik bestehenden Werken ähneln kann, auf denen sie trainiert wurde. Rechtliche Risiken sind damit nicht ausgeschlossen. Auch das spricht dafür, KI nicht als schnellen Ersatz, sondern als bewusst gesteuertes Werkzeug zu betrachten.
Währenddessen setzt SRF demonstrativ weiter auf „menschliche Intelligenz“ und verzichtet auf KI-Musikstrecken. Zwei unterschiedliche Strategien, die zeigen: Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um Haltung.
Was Produzenten dazu sagen
Spannend wird die Debatte dort, wo sie über Kosten hinausgeht. Der Musikproduzent Thomas Foster von Foster Kent ordnet das Thema differenziert ein. In seinem Q&A-Video macht er deutlich, dass KI Musik erzeugen kann – aber keine musikalische Intention, keine künstlerische Erfahrung und keine emotionale Tiefe ersetzt.

Seine Perspektive ist zentral für Radio: KI kann Prozesse unterstützen, Inspiration liefern oder Skizzen erzeugen. Aber Musik als identitätsstiftendes Element lebt von Entscheidungen, Geschmack und Verantwortung.
Radio zwischen Innovation und Vertrauen
Radio hat historisch immer von Technologie profitiert – von UKW über DAB+ bis Streaming. KI kann ein weiterer Baustein sein. Entscheidend ist jedoch, wo und wie sie eingesetzt wird. Als Werkzeug im Hintergrund kann sie sinnvoll sein. Als Ersatz für kuratierte Musik und kreative Verantwortung wird sie schnell zum Risiko.
Am Ende geht es nicht um Furz-Songs oder Nachtprogramme. Es geht um die Frage, was Radio auch in Randzeiten sein will: Ein kostengünstiger Stream – oder ein verlässlicher Begleiter mit Haltung.
Technologie kann dabei helfen. Entscheiden muss immer noch der Mensch.





