Was Medien jetzt wirklich weiterbringt
Kaum ein Thema wird in Medienhäusern derzeit so intensiv diskutiert wie Künstliche Intelligenz. Zwischen Effizienzfantasien, Existenzängsten und großen Erwartungen pendelt die Debatte oft zwischen Euphorie und Abwehr. Anita Zielina (Digital- und Medienmanagerin und Gründerin des Thinktanks Better Leader Labs) bringt in einem aktuellen Interview eine wichtige Klarheit in diese Diskussion: KI ist kein Rettungsanker für den Journalismus – und genau darin liegt ihre Chance.
KI als Werkzeug, nicht als Erlöser
Die Vorstellung, neue Technologien könnten strukturelle Probleme einer Branche lösen, ist nicht neu. Tablet, Videoformate, digitale Abos – immer wieder wurde auf den großen Befreiungsschlag gehofft. Zielina nennt das das „Silver-Bullet-Syndrom“. KI reiht sich hier ein: Sie kann Prozesse erleichtern, aber keine Haltung ersetzen.
Entscheidend ist nicht, ob KI eingesetzt wird, sondern wie. In vielen Redaktionen liegt der Fokus derzeit auf Effizienzgewinnen: schneller lektorieren, übersetzen, transkribieren. Das ist sinnvoll – aber zu kurz gedacht. Die größere Frage lautet: Wie verändert KI den Medienkonsum? Und welche Produkte, Formate und Beziehungen entstehen daraus?
Weniger Content, mehr Bedeutung
KI legt schonungslos offen, was austauschbar ist – und was nicht. Inhalte, die überall gleich aussehen, verlieren weiter an Wert. Reichweite allein ist kein Geschäftsmodell mehr. Diese Erkenntnis ist unbequem, aber notwendig. Zielina spricht von einer geplatzten Reichweitenillusion, die Medien lange selbst genährt haben.
Die Konsequenz daraus ist kein Rückzug, sondern eine Neuausrichtung: Medien müssen sich stärker auf echte Nutzerbedürfnisse konzentrieren. Auf das, was nur sie leisten können. KI kann dabei helfen, Ressourcen freizuspielen – für Journalismus mit Tiefe, Kontext und Haltung.
Eine Chance für Vielfalt und neue Akteure
Besonders bemerkenswert ist Zielinas optimistischer Blick auf kleinere Medien, Nischenangebote und Start-ups. KI senkt Markteintrittsbarrieren drastisch. Wo früher große Budgets nötig waren, reichen heute kluge Konzepte und ein strategischer Einsatz von Technologie.
Das eröffnet Raum für neue Stimmen, neue Kollektive und neue Formen journalistischer Zusammenarbeit. Nicht als Bedrohung für etablierte Medien, sondern als Erweiterung einer vielfältigeren Medienlandschaft.
Beziehung schlägt Technologie
Der vielleicht wichtigste Punkt im Interview: Die Beziehung zwischen Medium und Publikum rückt wieder ins Zentrum. KI kann Informationen liefern, aber keine Bindung aufbauen. Newsletter, Podcasts, Events oder Communities werden zu strategischen Ankern. Vertrauen entsteht nicht durch Tools, sondern durch Kontinuität, Transparenz und Relevanz.
Fehler wird es dabei weiterhin geben – bei Menschen wie bei Maschinen. Zielina plädiert für einen realistischen Umgang mit KI: weniger Angst, weniger moralische Überhöhung, mehr Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein. KI wird besser werden, aber nie perfekt sein. Genau wie Journalismus.
Führung ist gefragt
Eine erfolgreiche Koexistenz mit KI ist keine individuelle Aufgabe, sondern eine strategische. Medien brauchen klare Leitplanken: Welche Tools werden eingesetzt? Wofür nicht? Wo liegen ethische Grenzen? Und wie wird offen darüber gesprochen? Diese Verantwortung liegt bei der Führung – gemeinsam mit den Redaktionen.
Blick nach vorn
In zehn Jahren wird die Medienlandschaft anders aussehen: konsolidierter, stärker vernetzt, vielfältiger in ihren Formaten. KI beschleunigt diesen Wandel, sie verursacht ihn nicht. Gewinner werden jene Medien sein, die Technologie nicht als Sparinstrument missverstehen, sondern als Möglichkeit, besser zu werden.
Oder anders gesagt:
KI ersetzt keinen Journalismus. Aber sie zwingt ihn, sich zu erklären.
Und das ist vielleicht genau das, was die Branche jetzt braucht.
Quelle
Interview mit Anita Zielina, geführt von Anna Wiesinger, DER STANDARD, 16. Dezember 2025.





