– und was Audio damit zu tun hat
Die Tonlage wird schriller, die Debatten härter, die Gräben tiefer. Viele erleben den öffentlichen Diskurs als Dauererregung: schnell urteilen, sofort reagieren, selten nachfragen. Inmitten dieser Entwicklung wirkt ein Gedanke fast simpel – und ist doch radikal wirksam: Zuhören.
Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen beschreibt Zuhören nicht als höfliche Geste, sondern als soziale Praxis. Als eine Fähigkeit, die Gemeinschaft ermöglicht – und Konflikte deeskalieren kann. Seine zentrale These: In einer Welt voller Senden, Posten und Kommentieren wird Zuhören zur unterschätzten Schlüsselkompetenz.
Vom „Ich-Ohr“ zum „Du-Ohr“
Pörksen unterscheidet zwei Arten des Hörens. Das eine ist das Ich-Ohr: Wir hören, um zu prüfen, ob das Gesagte zu unserer Sicht passt. Wir hören, um zu bewerten, einzuordnen, zu widersprechen. Das andere ist das Du-Ohr: Zuhören als Versuch, die Welt des Gegenübers zu verstehen – nicht im Sinne von Zustimmung, sondern im Sinne von Wahrnehmung.
Dieser Wechsel klingt klein, verändert aber viel. Denn wer mit dem Du-Ohr zuhört, verschiebt den Fokus:
- weg von Rechthaben
- hin zu Verstehen
- weg von Abwertung
- hin zu Verbindung
Zuhören ist kein Soft Skill – sondern ein Stabilitätsfaktor
In Organisationen, Teams und Öffentlichkeit gilt oft: Eskalation beginnt dort, wo Menschen sich nicht gehört fühlen. Pörksen verweist darauf, dass viele Krisen – ob in Institutionen oder Gesellschaft – mit fehlender Resonanz starten: Hinweise werden übergangen, Warnungen abgetan, Betroffene nicht ernst genommen. Die Folge ist nicht nur Frust, sondern Vertrauensverlust.
Zuhören ist damit nicht romantisch, sondern funktional: Es schafft die Grundlage für Kooperation, Lernen und Veränderung.
Was das mit Audio und Radio zu tun hat
Für die Audiobranche ist dieser Impuls besonders spannend. Denn Audio ist nicht nur ein Ausspielweg – es ist ein Beziehungsmedium. Radio lebt von Nähe, Tonalität, Begleitung. Podcasts leben von Aufmerksamkeit, Intimität, Vertrauen. Audio kann Räume schaffen, in denen Menschen nicht nur Informationen bekommen, sondern sich angesprochen fühlen.
Und genau hier liegt eine Chance: In einer lauten Welt wird Relevanz nicht allein über Reichweite gewonnen, sondern über Resonanz. Formate, die zuhören (z. B. durch echte Publikumsnähe, lokale Themen, Dialog-Angebote, Community-Mechaniken), stärken Bindung – und letztlich auch gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Fazit: Wer zusammenbringen will, muss zuhören können
Pörksens Text ist ein Reminder, der gerade zum richtigen Zeitpunkt kommt: Wenn Debatten entgleisen, lohnt der Blick zurück auf die Basics der Kommunikation. Zuhören ist keine Technik. Es ist eine Haltung. Und vielleicht eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass wir als Gesellschaft – und als Medien – wieder mehr verbinden als trennen.
Link zum Ursprungs-Artikel: https://taz.de/Sozialer-Zusammenhalt/!6137303/




